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Atelier Planstatt

Atelier Planstatt, ehemaliges Architekturbüro von Prof. Ernst Neufert

Dieburger Straße 218 · 64287 Darmstadt

Das Architekturbüro ramona buxbaum architekten befand sich von 2009 - 2015 im Atelier Planstatt

 

Wo Ideen fliegen lernen

Die Inspiration liegt direkt vor der Haustür. Wenn Ramona Buxbaum bei der Arbeit eine Pause einlegt und von ihrem Schreibtisch aufblickt, hat sie das Gefühl mitten im Wald zu sitzen. Die Blätter des chinesischen Mammutbaumes vor ihrem Fenster sind zum Greifen nah und fluten den Raum mit Grün- und Brauntönen. Keine Holzsprossen stören den Blick, keine kleinteiligen Rahmen verstellen die Aussicht. Büroalltag und Natur.

Eine breite, durchgehende Fensterfront wie auf der Kommandobrücke eines Schiffes säumt nahezu die komplette obere Etage ihres Ateliers in der Dieburger Straße. Die perfekte Umgebung für ein Architekturbüro. Hier können die Gedanken schweifen, lernen Ideen das Fliegen.

Kein Zufall. Haus und Büro wurden von einem Architekten für Architekten geplant. Ramona Buxbaum hat das Atelier „Planstatt“ gemietet, das vor fast 60 Jahren von Ernst Neufert gestaltet und gebaut wurde. Neufert, Vertreter der klassischen Moderne und Bauhaus-Weggefährte von Walter Gropius, kam 1946 als Architektur-Professor an die Technische Hochschule Darmstadt, wie die TU damals noch hieß. Der Vater der „Bauentwurfslehre“, ein in 18 Sprachen übersetztes Standardwerk für Ingenieure, war ein Meister des Funktionalismus.

Auf einem großzügigen Grundstück am Rande des Komponistenviertels verwirklichte Neufert nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Traum, gleich zwei Häuser zu bauen. 1949 schuf er zunächst sein Wohnhaus samt Pool und 1958 – nur wenige Schritte entfernt – ein Büro- und Atelierhaus. Zwei Bauten, die in der Geschichte der Architektur und des Denkmalschutzes ihren Platz gefunden haben.

„Planerhof“ und „Planstatt“ sind zwei Klinkerbauten, bei deren Gestaltung sich Neufert an seinem Vorbild Frank Lloyd Wright orientierte. Es sind Architektur-Klassiker, wenn auch mit Beigeschmack: Neufert war nicht unumstritten. Im Dritten Reich hatte er sich mit den NS-Machthabern arrangiert, war Mitarbeiter von Albert Speer und zum Reichsbeauftragten für Baunormung ernannt worden.

Die Klinkerhäuser liegen etwas zurückgesetzt an der Dieburger Straße. Das damals rund 6000 Quadratmeter große Areal hat etwas von seiner Weitläufigkeit eingebüßt. Häppchenweise hatte der Bauhaus-Architekt, der Mitte der achtziger Jahre am Genfer See starb, schon zu Lebzeiten Teile des Grund und Bodens verkauft.

Jetzt stehen Einzel-und Mehrfamilienhäuser, wo in den Fünfzigern noch freies Feld war. Der „Planstatt“ sind rund 2300 Quadratmeter Grundstücksfläche geblieben.

Ramona Buxbaum gilt als Expertin für Neufert-Bauten. In Darmstadt hat der TU-Professor die Wasserbauhalle der Universität entworfen und auch das Ledigenwohnheim am Fuße der Mathildenhöhe. In dem Wohnheim hat Ramona Buxbaum ihre ersten Studienjahre verbracht, später, als junge freiberufliche Architektin, plante sie das Haus für den Bauverein in moderne Zwei-Zimmer-Apartments um. So erwachte ihr Interesse. Vor mehr als zehn Jahren fuhr sie in die Dieburger Straße und klingelte bei Ludwig Dötsch und Norbert Fuchs, die die „Planstatt“ 1979 von Ernst Neufert gekauft hatten, als dieser in die Schweiz umzog.

„Ich wollte das Gebäude sehen, in dem er gearbeitet hat“, erinnert sich Buxbaum. Die Bauingenieure Dötsch und Fuchs betrieben von 1979 bis 2009 in der „Planstatt“ ihr Büro, das unter anderem auf Tragwerksplanung spezialisiert war.

Dötsch schätzt die klaren Linien und die Funktionalität des Hauses. Vieles musste jedoch saniert werden. Darunter die Einfachverglasung der Fenster. „Im Winter herrschten nach Aussagen früherer Mitarbeiter von Neufert in der Büroetage nur 12 bis 15 Grad“, erinnert er sich.

Flure, die Büroräume sind
Doch sonst ist alles im Originalzustand – die Terrazzoböden, die Klinkerwände innen und außen, die Flure, die immer schon als Büroräume mit genutzt wurden, die teils kreisrunden Fenster. „An der Architektur so eines Gebäudes ändert man nichts“, sagt Dötsch. 2009 vermieteten er und Fuchs die Etage an Ramona Buxbaum und ihr Architekturbüro, die diese Räume ebenfalls zu schätzen wusste.

Die „Planstatt“ ist heute ein reines Architektenhaus. Auch in den drei Wohnungen, die im Haus untergebracht sind, leben Architekten. Kirsten Freischlad ist eine davon. Sie bewohnt mit ihrer Familie den großzügigen Teil des Hauses, den Neufert als seine „Klause“ bezeichnete. Es war eine historische Scheune, um die herum der Professor seine „Planstatt“ baute. Hier befanden sich damals die Repräsenta-
tionsräume und auf einer Art Galerie sein privates Büro, wo Neufert seine Großkunden empfing.
Kirsten Freischlad führt Besucher gerne in diesen Raum, dessen Fenster über zwei Etagen reichen. Eine Sitzgruppe steht vor einem offenen Kamin, freiliegende Holzbalken in Form ganzer Baumstämme stützen die Decke und Bruchsteine zieren die Wände. Der vordere Teil ihres Apartments unterscheidet sich nicht groß von anderen Häusern, „aber das ist das Highlight“, sagt sie und erinnert sich daran, „dass wir bei der ersten Besichtigung „mit offenem Mund hier durchgegangen sind“. Überall schweift auch hier der Blick ins Grüne, gibt es Austritte in den Garten oder auf Balkone.

Im Erdgeschoss hat der Architekt Johannes Hug sein Architekturbüro eingerichtet. Er ist auf denkmalgeschützte Gebäude spezialisiert. Und wo ginge das besser als in einem Denkmal ?

 

Auszug aus "Wo Ideen fliegen lernen", von Astrid Ludwig, erschienen am 29. Dezember 2014 im Darmstädter Echo.